2013 |
DER ETHNOGRAFISCHE DOKUMENTARFILM – ZWISCHEN KUNST UND WISSENSCHAFT
Die Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde öffnet zum 100-jährigen Jubiläum der Sektion Basel in Kooperation mit dem Stadtkino Basel ihr Filmarchiv und präsentiert in Anwesenheit von Filmemachern (Friedrich Kappeler, Hans-Ueli Schlumpf) und Wissenschaftlern Thomas Schärer, Marius Risi, Pierrine Saini) eine Auswahl einmaliger Zeitdokumente über verschwundene Handwerkstätigkeiten.
Wie flicht man einen Korb? Wie wird ein Fass von Hand hergestellt? Was ist Altgrubengerberei? Das Finden von Antworten auf derartige Fragen mag heute nicht als zwingendes Bedürfnis erscheinen. Dass aber wohl kaum jemand in der Lage ist, eine ausführliche Antwort auf die Fragen zu geben, verweist auf gesellschaftliche Veränderungen in den vergangenen hundert Jahren, durch welche handwerkliche Tätigkeiten mehr und mehr aus dem Alltag verschwunden sind.
Im Jahr 1942 begann die Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde mit der Filmdokumentation «vom Aussterben bedrohter Handwerke»: Mithilfe der filmischen Dokumentation sollten spezifische Arbeitsvorgänge und handwerkliche Tätigkeiten späteren Generationen erhalten werden. Das Medium Film ermöglichte dabei das audiovisuelle Festhalten sämtlicher Arbeitsschritte, ohne dass hierzu Kommentare notwendig erschienen. Das Vorhaben war ein klar wissenschaftliches, ohne den Anspruch, auf künstlerische Qualitäten des Mediums Film zurückgreifen zu müssen. So entstanden Zeitdokumente, die heute nicht nur aufgrund des gefilmten Materials, sondern auch wegen der verwendeten filmischen Mittel anachronistisch anmuten. Keine Spezialeffekte, keine besonderen Schnittfolgen sollten in der Frühzeit des ethnografischen Dokumentarfilms in der Schweiz von der Darstellung der handwerklichen Tätigkeit ablenken. Dennoch bestechen diese frühen dokumentarischen Filme aufgrund ihrer eigenen Dramaturgie, die sämtlichen Arbeitsschritten – vom Beginnen bis zum Beenden der jeweiligen handwerklichen Tätigkeit – folgt.
Ab 1962 begann innerhalb der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde ein Umdenken. Man erkannte, dass die Filme, die bis zu jenem Zeitpunkt zum grössten Teil ohne Ton waren und zu denen keinerlei textliche Dokumentationen existierten, zu wenig Informationen enthielten, um als eigenständige Zeitdokumente bestehen zu können. Hinzu kam, dass die Filme aufgrund ihrer Schwerfälligkeit auch nicht kommentarlos einem breiten Publikum präsentiert werden konnten. Paul Hugger, damaliger Leiter der Abteilung Film der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde, beschloss aus diesem Grund eine doppelte Neukonzeption des Filmprojekts. Zum einen publizierte er Texte zu den bereits bestehenden Dokumentarfilmen, um die Filme für eine wissenschaftliche Weiterverwendung besser zu erschliessen. Zum anderen zog er junge Filmemacher in die Realisierung der Filme mit ein, darunter Yves Yersin, Claude Champion, Renato Berta, Erwin Huppert u.v.a. So wandelten sich die volkskundlichen Filme von amateurhaften Aufnahmen mit wissenschaftlichem Anspruch zu künstlerisch hochstehenden Zeitzeugnissen, ohne dabei an wissenschaftlicher Aussagekraft zu verlieren. Das Wissen über die «alten» Handwerke wurde durch die Verwendung einer ausdrucksvolleren Filmsprache nicht nur einem breiteren Publikum zugänglich gemacht, sondern es fand auch eine Verbindung zwischen künstlerischem und wissenschaftlichem Bestreben statt.
Seit Beginn dieses Jahrhunderts machte sich unter der Leitung von Hans Ulrich-Schlumpf erneut eine neue Generation von Forschenden daran, sich mit dem gesammelten Filmmaterial auseinanderzusetzen. Man kehrte nach über einem halben Jahrhundert mit Digitalkameras – statt mit Filmrollen – zurück an die Drehorte und hielt fest, wie sich der Raum und die Menschen dort verändert hatten. Die jungen Filmemacher liessen Personen aus dem Umfeld der Menschen, welche damals vor der Kamera standen, über die Verhältnisse bei den Dreharbeiten berichten. Das Ergebnis war eine kritische Auseinandersetzung mit dem Medium Film als Instrument der neueren Kulturwissenschaft.
Die Abteilung Film der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde ist mit über hundert produzierten Dokumentarfilmen ein Bindeglied zwischen der auf Wissenschaftlichkeit fokussierten Forschung, der cineastischen Ästhetik und der Verbreitung des so geschaffenen Wissens in den Kinosälen der Schweiz. Die Tätigkeiten beschränken sich längst nicht mehr nur darauf, alltägliche Situationen zur Konservierung auf Filmrollen zu bannen und dabei den verschiedenen wissenschaftlichen oder ästhetischen Ansprüchen gerecht zu werden. Vielmehr stehen Fragen im Zentrum, wie das Medium Film und die dazu gehörende Technik sich als Instrument wissenschaftlicher Forschung verwenden lässt und wie so geschaffenes, audiovisuelles Wissen einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden kann.
Am Filmabend der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde und des Stadtkino Basel wird also nicht nur danach gefragt, wie ein Fass hergestellt wird, sondern auch, was unter dem wissenschaftlichen Film oder einer filmenden Wissenschaft verstanden werden kann. Dem Publikum sei die Möglichkeit gegeben, die gezeigten Filme gleichzeitig als Kunstwerke wie auch als Werke der Wissenschaft kritisch zu betrachten und zu geniessen.