2013 |
DAS LEBEN VOR DER HAUSTÜRE
Am 3. Oktober jährt sich die deutsche Wiedervereinigung zum 20. Mal. Wir nehmen dieses historische Datum zum Anlass, um mit dem Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase und Regisseur Andreas Dresen zwei Künstler zu ehren, deren schöpferische Wurzeln in der DDR liegen, die aber auch nach der Wende erfolgreich weitergearbeitet haben. Mit der luftig-leichten, lebensnahen Komödie Sommer vorm Balkon haben sich ihre Karrieren im Jahr 2005 verschränkt. 1953 wurde der erste Spielfilm nach einem Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase realisiert: Die Störenfriede. Der bisher letzte gemeinsame Film von Dresen und Kohlhaase, Whisky mit Wodka, entstand 2009. Fast 60 Jahre wechselvoller Weltgeschichte liegen dazwischen – grosser Geschichte, die sich in die kleinen Geschichten, das Leben der Menschen, einschrieb und sich in den Filmen der beiden Filmschaffenden widerspiegelt. Kohlhaase und Dresen, der eine 79, der andere 46 Jahre alt, verbindet ein genauer, liebevoller Blick auf die Welt, ein tiefer Humanismus, das Interesse an den kleinen, grossen Dingen im Leben; das «vor die Haustüre treten und genau hinschauen». Zum Auftakt der 19 Filme umfassenden Retrospektive werden Wolfgang Kohlhaase und Andreas Dresen am Montag, 4. Oktober im Stadtkino Basel zu einem Autorengespräch anwesend sein.
«Man sieht aus dem Fenster oder in den Spiegel, die Weltgeschichte kommt dann schon vorbei.» Mit diesem Satz bringt der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, der in Deutschland als einer der wichtigsten Vertreter seines Fachs gilt, sein berufliches Credo auf den Begriff. Schon in den ersten Filmen, die er geschrieben hat, ist sein vorbehaltloses Interesse an normalen Menschen spürbar, jenen Leuten, die bei ihm um die Ecke wohnen könnten: «Die Leute, von denen ich im Film zu erzählen versuche, sind letztlich meine Nachbarn. Mit denen ist im Lauf der Jahrzehnte so viel geschehen, so viel Unglaubliches, so viel Banales, und vielleicht hat jeder in seinem Leben einen Augenblick, der es verdient, bemerkt zu werden.»
Die genauen Alltagsbeobachtungen lassen sich biografisch aus zwei Quellen erklären: Seinem eigenen Werdegang, der ihn in den späten 40er-Jahren in der jungen DDR vom Redakteur der Jugendzeitschrift «Der Start» und Autor für die «Junge Welt» zur Dramaturgie-Assistenz bei der neugegründeten DEFA führt. Gleichzeitig aus dem Einfluss des italienischen Neorealismus, der insbesondere die Filme prägt, die Kohlhaase in den 50er Jahren mit dem Regisseur Gerhard Klein realisiert: „Der verwegene Gedanke, die Geschichten unseres Alltags könnten sich für einen Film eignen, wäre mir ohne die italienischen Neorealisten nie gekommen. Cesare Zavattini, den Drehbuchautor von Filmen wie Fahrraddiebe und Umberto D., nennt Kohlhaase bis heute als wichtiges Vorbild. Seine Erzähltechniken – der Einbau scheinbar irrelevanter Alltagsgespräche in die ohnehin flachen Spannungskurven und die trivialen Ereignisse, die den Geschichten zugrunde liegen – bilden auch die Essenz von Filmen Wie BERLIN, Ecke Schönhauser (1957).
Wie in einigen neorealistischen Werken ragt auch in diesem Film die Weltgeschichte weit in den Alltag hinein. Emblematisch wird dies in einer Szene, in der auf der Baustelle, auf der die Hauptfigur arbeitet, eine Blindgängerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden wird und der Ort sofort evakuiert werden muss. Permanent präsent ist aber nicht nur die jüngste Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart der beiden deutschen Staaten, die Teilung Berlins – mit damals noch durchlässiger Grenze – und die Angst vor einem neuerlichen Krieg zwischen den verfeindeten Supermächten. An diesem Film, dessen Protagonisten arbeitslose, zum Teil ins delinquente Milieu abdriftende Jugendliche sind, entzündete sich in der DDR eine Debatte zur Frage des «richtigen Realismus». Einige Vertreter der Obrigkeit äusserten Zweifel, ob sich der gesellschaftskritische Impuls der italienischen Vorbilder als Modell für die Porträtierung des sozialistischen Alltags eignen könne; mit anderen Worten: ob nicht durch die Orientierung am Neorealismus zu sehr die Probleme betont und die Errungenschaften der DDR vernachlässigt würden. Dabei stellt der Film keineswegs eine radikale Kritik am ostdeutschen Staat und seinen Institutionen dar. Er folgt eher einem reformistisch-korrektiven Impetus und endet – nicht nur für den Protagonisten – durchaus versöhnlich: mit Aussicht aufs Glück heterosexueller Zweisamkeit im realexistierenden Sozialismus.
In anderen Filmen, etwa Ich war 19 (1968) oder Der Aufenthalt (1982) wendet sich Kohlhaase der jüngeren deutschen Geschichte zu. Ich war 19, die erste Kooperation mit Konrad Wolf, dem vielleicht bedeutendsten Spielfilmregisseur der DDR, erzählt von der Befreiung Deutschlands vom Nazi-Faschismus aus der Sicht eines jungen, deutschstämmigen Soldaten der Roten Armee. In verschiedenen Episoden schildert der Film die Begegnung des der nationalsozialistischen Heimat entfremdeten Soldaten mit den Deutschen: einfachen Arbeiterinnen in Bernau, SS-Schergen, die Hitler bis zum Ende die Treue halten (oder nur die eigene Haut retten) wollen und einigen wenigen Widerstandskämpfern, die am 1. Mai die kurz bevorstehende Kapitulation feiern.
Gemeinsam mit Wolf realisierte Kohlhaase auch einen der Lieblingsfilme von Andreas Dresen: Solo Sunny (1979), ein Film über eine Frau, die sich mit ihrem Leben als Clubsängerin genauso wenig zufrieden gibt wie mit der einfältigen Männerschar, die sie umwirbt. Dresen ist mit Kohlhaases Geschichten aufgewachsen, die Dialoge seiner Filme kann er auswendig. Sunny: «Is’ ohne Frühstück.» Ihr Liebhaber: «Wat soll denn ditt? Deinetwegen bin ich extra nich arbeiten jejangen.» Sunny: «Is’ auch ohne Diskussion.» Es ist die Fähigkeit, «an bestimmten Punkten Dinge wegzulassen, elliptisch zu erzählen», die er an Kohlhaase bewundert, sowie sein pointierter, aber unaufdringlicher Sprachwitz.
Dresen gehört zu den wenigen Regisseuren, die in der DDR ausgebildet wurden, und die Wende beruflich überlebten. Im Jahr der Wiedervereinigung besuchte er das letzte Studienjahr an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg. Er war gerade mal 27 Jahre alt. Trotzdem wird er bis heute als «ostdeutscher Regisseur» gefeiert, was – wie er selbst meint – zeige, «wie weit die Wiedervereinigung vorangeschritten ist, nämlich irgendwie gar nicht so richtig, jedenfalls innerlich noch nicht».
Das Ende der DDR erlebte Dresen als einen «wertvollen Bruch in seiner Biografie», der wie keine andere Lebenserfahrung seine Arbeiten prägt. Verarbeitet hat er diesen Bruch vornehmlich in zwei Filmen: So schnell geht es nach Istanbul (1990), dem kuriosen Kurzfilm über einen türkischen Gastarbeiter aus Westberlin, der sich eine Ostberliner Freundin sucht, um Geld für seine Rückreise nach Istanbul zu sparen, und seinem Langfilmdebut Stilles Land (1992) über den Mauerfall, erzählt aus der Perspektive eines ostdeutschen Provinztheaterensembles, dem die aktuellen Ereignisse die Proben zu Becketts «Warten auf Godot» versauen. Der Komik der beiden Filme merkt man Dresens Vorbild an.
Für Sommer vorm Balkon (2005) arbeiten Dresen und Kohlhaase das erste Mal zusammen. Wie Solo Sunny spielt der Film im Prenzlauer Berg, wofür es einen einfachen Grund gibt: Kohlhaase kennt sich hier am besten aus. «Bis heute würde ich mir nicht zutrauen, eine Geschichte zu schreiben, die in München spielt», gestand er vor einem Jahr dem «Tagesspiegel». Der Vorteil einer vertrauten Umgebung liegt für ihn in der Genauigkeit der Erzählung, die diese erlaubt: «Wenn Sie von einem Ort der Welt genau sprechen, dann können Sie an vielen Orten der Welt verstanden werden. Was nicht viel taugt, ist das Beliebige. ‹Irgendwie› ist der Feind jedes klaren Gedankens.» Dies ist eine der Ansichten, die er mit Dresen teilt. Auch Dresen dreht Geschichten, die sich nur schwer zusammenfassen lassen, weil nicht wichtig ist, was in ihnen passiert, sondern wie die Figuren darauf reagieren. Wie verhalten sich Ehemann und Tochter zu ihrer Ehefrau und Mutter, wenn sich diese mit 70 noch einmal verliebt wie in Wolke 9 (2008)? Was wird aus einer Ehe und Freundschaft, wenn eine Frau mit dem Mann ihrer Freundin und dem besten Freund ihres Mannes in die Badewanne steigt (Halbe Treppe, 2002)? Und wie kommt ein spiessiger Gebrauchtwagenhändler mit der Tatsache zurecht, dass das Sicherste im Leben seine Unsicherheit ist (Willenbrock, 2005)? «Wo Menschen in Situationen geraten, die sie so nicht vorhatten, aber in denen sie leben müssen, steckt etwas von dem, was mich immer interessiert hat – die tägliche Tapferkeit, die man zum Leben braucht.» Auch dieses Zitat stammt von Kohlhaase, könnte aber genauso gut von Dresen sein.
Zusammen haben sie bis jetzt erst zwei Filme realisiert, doch Kohlhaases Einfluss, «diese Aufmerksamkeit für das Recht des Einzelnen auf seine eigene Idee von sich selbst», die Dresen von seinem Vorbild übernommen hat, ist in keiner seiner Arbeiten zu übersehen. Und auch in seinem dramaturgischen Einfallsreichtum steht der eine dem anderen in nichts nach. Beide arbeiten mit System, aber nicht nach Schema F. Dramaturgie halten sie für «ein System von Regeln gegen die permanente Bereitschaft eines Publikums, sich zu langweilen», das von Film zu Film verändert werden will. Nicht immer geht dieses System auf. Doch es ist zumindest der Versuch, die Grenzen des Konformen ein Stückchen zu verschieben, ohne das Publikum aus dem Saal zu vertreiben.
Die Wiedervereinigung Deutschlands jährt sich diesen Monat zum 20 Mal. Wolfgang Kohlhaase und Andreas Dresen sind zwei ihrer Zeugen. Ihre Filme erzählen von über 50 Jahren deutscher Geschichte, so beiläufig, als wäre nie etwas geschehen. «Die meisten Umbrüche», weiss Dresen, «vollziehen sich leise und allmählich» – besser also, man sieht genau hin.
Guido Kirsten, Julia Zutavern