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BILDRAUSCH 2011
KINOKABARETT30 JAHRE «POINT DE VUE»DAS GELÄCHTER DER MUSEN BUSTER KEATON CULTURESCAPES ASERBAIDSCHAN TILDA SWINTONCARY GRANTJIM JARMUSCHDAS TELEFON IM FILMFILMRAUM NR 3 LUCHINO VISCONTIFRANÇOIS TRUFFAUTART FILMMÉNAGE-À-TROIS JOHN COOK1. Basler FilmpreisPEDRO ALMODÓVARALAIN TANNER DANIÈLE HUILLET & JEAN-MARIE STRAUBJOHN FORDDON CAMILLO E PEPPONEBILLY WILDERVITTORIO GASSMANCRUZ + JOHANSSONDAS MITTELALTER IM FILMANDREJ TARKOWSKIJDIE MEDIALISIERUNG DES RAF-TERRORISMUSJACQUES TATILE BON FILM
30 JAHRE «POINT DE VUE»
SICHTWEISEN – POINTS DE VUE
Es begann als «Filmfront» auf Super8, dann in einem Hinterhof am Spalenring, wo sich die Speerspitze der lokalen Medienavantgarde als «Videogenossenschaft» einnistete, alsbald in der Kaserne Quartier machte, um von dort als «point de vue» an die Flughafenstrasse professionell abzuheben, bis sie im lokal-globalen Logistikgebiet Dreispitz landen sollte – wo sich gegenwärtig das nachindustrielle Basel zukunftsfreudig neue Konturen gibt.
Nur ein solcher Schlangensatz kann deutlich machen, wie sehr «30 Jahre ‹point de vue›» Programm ist: In Name, Ort und Medien, und – zumindest im Nachhinein – auch als Label für die soziokulturellen Entwicklungslinien und wirtschaftlichen Verän¬derungs¬schübe eines Basel, das an der Peripherie stets interessanter ist als im Zentrum. Dieses Basel hat im Panorama der vielen Werke der Gruppe sein gültiges (doch nach wie vor unterschätztes) Porträt gefunden.
30 Jahre «point de vue» beinhaltet mehr als den immer wieder knapp gemeisterten Spagat zwischen dokumentarischen, fiktionalen und künstlerischen Stoffen und Genres. Nach solcher Verrenkungsartistik verlangte diese lange Standbein-Spielbein-Geschichte nämlich zwangsläufig, wenn die Abgründe von Agitprop, Kunst- und Auftragsfilm nicht minder überspannt sein wollten als jene zwischen dem ‹medium cool› des Fernsehens und den raumgreifenden ‹hot venues› von Gegenwarts- bzw. Medienkunst.
30 Jahre «point de vue», das ist eine erstaunliche Austauschgeschichte von Szenen, Milieus, Werkstätten, Technologien und Schulen im Sinn buchstäblicher Schau-Plätze. Es ist die gelebte Medienpraxis ab- und umgespulter Rollen – von Personen wie auch Bildträgern von Film, Video und Netz: Ein Kunsterzieher, ein Kulissenmaler, ein bildender Künstler, ein Physiklaborant, eine Baumschulistin, eine Logopädin, ein fotografierender Germanist und ein Ergotherapeut – diese (und andere) dazu-lernfreudige Persönlichkeiten waren es, die dieses vital-prekäre Ensemble starker Individuen prägten und es debattierfreudig über Erfolge und Krisen zu behaupten wussten.
Denn 30 Jahre «point de vue» ist auch eine Filiationsgeschichte von unerwarteter Konstanz und ungleichzeitiger Reifung, Verjüngung und Abspaltung. 30 Jahre mehr als blosses Überleben im schnellen audiovisuellen Business können nicht ohne Professionali¬sierungswellen, nicht ohne einschneidende Umbrüche im handwerklichen und künstlerischen Selbstverständnis abgehen. Dass gerade deswegen einige der verblüffendsten medien¬künstlerischen Arbeiten der Schweiz in der «point de vue» entstanden sind, spricht für die Fähigkeit im trotzigen Aufrecht¬erhalten eines kollegialen ‹auteur›-Prinzips, das ‹Bideau-landläufig› zwar als unzeitgemäss taxiert wird, aber zu einer eigentlichen «point-de-vue»-Schulbildung geführt hat.
«Point de vue» signalisiert Standpunkt, Übersicht und Reflexion – also immer auch Distanz, allem Atelier-groove, aller gutnachbarschaftlicher Nähe zum Trotz. Die filmischen Aus- und Einblicke dieses Produktionshauses mit vielen Türen lassen exotisch Schräges im heimisch Vertrauten entdecken – und heimliche Parallelwelten fernab in der Pampa oder bei den Papua. Denn wenn es eine Fähigkeit als verbindende Klammer zwischen den sich selber immer wieder neu erfindenden – wie man heute dummdeutsch sagt – ‹Kreativwirtschaftern› der «point de vue» gibt, dann jene [eckige] oder {geschwungene!} zur Selbstironie, wie sie heute der aufgeregten Medienwelt weitgehend abhanden gekommen ist. Vielleicht liegt darin das grösste Zukunftsversprechen dieses jugendlichen Syndikats nicht mehr ganz junger Medienmachenden.
Kurz: «point de vue» ist selber Stoff, aus dem sich die Mediengeschichte webt und immer weiterspinnt. Mit weniger Glamour als in Paris, Berlin oder Zürich, doch mit ungleich mehr unverdrossener Beharrlichkeit.
Hansmartin Siegrist