2013 |
DIE POESIE EINER CHAOTISCHEN WELT
Buster Keaton, der Mann mit dem starren Gesichtsausdruck, gehört neben Charlie Chaplin und Harold Lloyd zu den grossen Komikern des Stummfilms. Lakonisch und mit eigensinniger Poesie erzählen Keatons Filme kühne Geschichten aus einer chaotischen Welt. Das Stadtkino Basel widmet dem Komiker eine aussergewöhnliche Retrospektive: An zwölf Abenden präsentieren wir Lang- und Kurzfilme mit Live-Musikbegleitung. Neben der klassischen Klavier- und Violinenbegleitung wird eine erstaunliche Bandbreite an Instrumenten und Formationen zum Einsatz kommen: Akkordeon, Vibraphon, Flöten, Kontrabass, Kalimba und Kazoo – alle werden sie Buster Keaton auf seinen Abenteuern begleiten. Liebhaber von jazzigen oder elektronischen Klängen werden genauso auf die Kosten kommen wie jene, die Stummfilme am liebsten mit klassischer Musikbegleitung erleben. Zum Auftakt der Reihe wird der geistreiche Filmemacher und Dozent Fred van der Kooij zudem einen Vortrag halten.
21 Jahre alt war Buster Keaton, als er zum ersten Mal eine Filmkamera sah. Das war im März 1917 in New York. Fatty Arbuckle, der einst als Komiker in Varietés aufgetreten war, wie das Buster und seine Eltern noch immer taten, war Filmstar geworden und verdiente eine Menge Geld. Er liess Buster in The Butcher Boy (1917) mitspielen, schmiss ihm Papiertüten voll Mehl ins Gesicht und füllte seinen Hut mit Melasse. All das liess Buster stoisch über sich ergehen, war er doch schon als Fünfjähriger dadurch berühmt geworden, dass sein Vater ihn quer über die Bühne geschleudert hatte.
Die Kamera jedoch war etwas Neues und liess ihm keine Ruhe. Am Abend fragte er Arbuckle, ob er sie bis am nächsten Morgen mitnehmen dürfe. Hätte Arbuckle gewusst, was Buster vorhatte, hätte er wohl nicht «ja» gesagt. Denn in dieser Nacht nahm Keaton die Kamera komplett auseinander, studierte jedes Rädchen und baute sie wieder zusammen. Am nächsten Tag kündigte er bei der Revue, in er gerade auftrat.
In der Folge spielte er in unzähligen Kurzfilmen von Arbuckle mit und lernte so das Handwerk von der Pike auf. Ja, wahrscheinlich hat niemand die Mechanik des Komischen so gründlich studiert und so genial umzusetzen gewusst wie Buster Keaton (1895 – 1966). Als Arbuckle das Studio wechselte, machte sein ehemaliger Produzent, Joseph Schenck, Keaton zum Nachfolger und Leiter des Teams. Ab 1920 hatte Buster Keaton sein eigenes Studio.
Als erster Film unter seiner Regie kam One Week in die Kinos, und was Keaton in mickrige 19 Minuten packte, ist überwältigend. Der Plot ist simpel: Buster hat eben geheiratet. Als Hochzeitsgeschenk hat das Paar ein Haus zum Selberzusammenbauen bekommen. Busters Rivale ändert jedoch die Nummerierung der Kisten. Und so entsteht ein Haus, dessen Eingangstür sich im ersten Stock befindet, dessen Fassade ständig umklappt und das sich bei einem Sturm auch noch zu drehen beginnt wie ein Karussell.
Hatte Keaton in Arbuckles Filmen gelegentlich noch gelacht, ist sein Gesichtsausdruck hier absolut stoisch: Egal was geschieht, nie lässt sich der junge Ehemann aus der Ruhe bringen. Und wie er entdeckt, dass das Haus auf dem falschen Grundstück steht, schleppen seine Frau und er es halt anderswohin. Dabei müssen sie auch ein Bahngeleise überqueren, und wie Keaton diesen Gag konstruiert und dabei das Publikum düpiert, ist schlicht genial.
Keatons Komik war eine ganz andere als die seines grossen Konkurrenten: Grinste Charles Chaplin öfter mal in die Kamera, um zu signalisieren: «Schaut, was ich jetzt mache!», und drückte er gern auch auf die Tränendrüsen, war Keatons Komik keimfrei. Deswegen schrieb Luis Buñuel in einer Besprechung von Keatons College (1927) denn auch, der Film sei «schön wie ein Badezimmer», frei von jeglicher Sentimentalität.
Solange Keaton einfach nur lustige Filme machte, waren Publikum und Kritik begeistert. Doch dann drehte er 1924 Sherlock Junior. Er spielt darin einen Kinooperateur, der in eine junge Frau verliebt ist. Es gelingt seinem Rivalen jedoch, Buster als Dieb erscheinen und fortjagen zu lassen. Bei der Arbeit im Kino schläft Buster ein, ein Traumego löst sich geisterhaft von seinem Körper und kann in den Film eintreten, den der reale Buster gerade vorführt.
Der Traum-Buster wird zunächst Opfer einer furiosen Schnittfolge: Wie er sich auf eine idyllische Gartenbank setzen will, findet er sich mitten auf einer verkehrsreichen Strasse wieder, wie er von einem Felsen elegant ins Meer springen will, landet er kopfüber in einer Schneewehe. Dann aber verwandelt er sich in den grossen Detektiv Sherlock Junior, und der vermag Übermenschliches zu vollbringen: Er fährt auf dem Lenker eines Motorrads zwischen rasenden Autos hindurch, und wie ihn seine Verfolger in eine Sackgasse treiben, springt er in den Bauchladen einer Hausiererin – und ist verschwunden.
In keinem Film wird einfallsreicher und origineller mit den Mitteln des Kinos gespielt, darüber ist man sich heute einig. Doch als Sherlock Junior in die Kinos kam, staunte das Publikum zwar über die Spezialeffekte, lachte aber nicht, und ein Kritiker entblödete sich nicht, zu schreiben, dem Film mangle es «an Einfällen und Originalität»!
Noch schlimmer wurde es mit The General (1926), Keatons Lieblingsprojekt. Der Film beruhte auf einer wahren Episode aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg, und alles sollte absolut authentisch aussehen. Keaton liess deshalb eine echte Lokomotive mit Wagen von einer echten Brücke stürzen. Mit Kosten von 42 000 Dollar war das damals die teuerste Einstellung der Filmgeschichte. Die Gesamtkosten von The General beliefen sich auf 750 000 Dollar. Die Kritiken waren vernichtend, man warf Keaton vor, einen lustigen Film über ein todernstes Thema gemacht zu haben, und das hatte Folgen: In den USA spielte der Film 474 264 Dollar ein – um Profit zu bringen, hätten es 870 000 sein müssen. In eigener Regie konnte Keaton noch College (1927) und Steamboat Bill, Jr. (1928) drehen, dann wurden die Keaton Studios aufgelöst.
Heute zählt The General zu den zehn besten Filmen aller Zeiten, und für viele ist es der Film über den Amerikanischen Bürgerkrieg schlechthin.
Thomas Bodmer