2013 |
MIT WENIGER MEHR SCHEINEN
«Everyone wants to be Cary Grant. Even I want to be Cary Grant», hat der Schauspieler Cary Grant einmal in einem Interview gesagt. Als Alexander Archibald Leach in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, eroberte der Engländer mit dem Künstlernamen Cary Grant ab den 1930er-Jahren die amerikanische Filmwelt. Neben dem Image eines selbstironischen Weltmannes umgab ihn immer auch eine geheimnisvolle, ambivalente Aura. Hollywood liebte ihn für beides: Diven wie Ingrid Bergman, Marlene Dietrich, Katharine Hepburn, Grace Kelly und Audrey Hepburn standen mit ihm vor der Kamera, und so unterschiedliche Regiegrössen wie Howard Hawks, Frank Capra und Alfred Hitchcock schätzten sein Talent. Das Stadtkino Basel ehrt den Schauspieler mit einer grossen Hommage.
Auf der Leinwand erscheint Cary Grant (1904–1986) mit seiner grossen, eher schlanken Figur, seinen wachen Augen und seinem pfiffigen Kinngrübchen auf den ersten Blick als Verkörperung des gut gekleideten, blendend aussehenden, unwiderstehlich charmanten jüngeren Herrn von nebenan, den jede Mutter gerne als Schwiegersohn gehabt hätte. Doch in verblüffendem Kontrast zu diesem fast banalen Bild steht die Liste der von ihm gespielten Personen: der Playboy, der exzentrische Millionär, Erfolgsautor, Franzose, Verführer, Gambler und Hochstapler finden sich da neben dem weltfremden Professor, dem rücksichtslosen Redakteur, dem Werbefachmann, dem Abwehragenten, dem getarnten Detektiv und dem ehemaligen Einbrecher.
Wie vielseitig muss man sich den Schauspieler vorstellen, der das alles zusammenbringt, der sich zudem in Hawks-Komödien so sicher bewegt wie in Hitchcocks Thrillern? Das Überraschendste an Cary Grant ist wohl, dass die Antwort bei ihm lautet: gar nicht. Und doch nimmt man ihm jede dieser Rollen und jede ihrer unterschiedlichen Facetten als glaubwürdig ab. Das ist das Paradox dieses Schauspielers oder – wohl treffender – Stars.
Im britischen Bristol geboren, aus einfachen Verhältnissen stammend, begann Archibald Leach, der erst in Hollywood den Künstlernamen Cary Grant annehmen sollte, schon als Jugendlicher in einer Artistentruppe, kam mit dieser in die USA und beschloss, dazubleiben. Er trat am Broadway und auf Tourneen in Operetten, Musicals und Revuen auf, bis er 1932 einen Vertrag bei Paramount erhielt und sich ganz auf den Film verlegte. Schon im ersten Jahr seines Engagements spielte er (als Nummer drei der Besetzung, nach Marlene Dietrich und Herbert Marshall) in Josef von Sternbergs Blonde Venus den reichen, in Nachtklubs herumhängenden Politiker Nick Townsend, dessen Charme und Reichtum die verheiratete Sängerin erliegt, der sich zum Ende aber doch zugunsten ihres Ehemanns und Sohns zurückzieht. Es folgten zwei Filme in der (Schatten-)Rolle des Juniorpartners der umwerfenden Mae West.
Indem George Cukor 1935 in Sylvia Scarlett Cary Grant die Rolle eines mit Cockney-Akzent sprechenden Gauners gab, brach er erstmals das glatte Bild vom gut aussehenden und korrekten jungen Mann und löste damit einen entscheidenden Schub in der Karriere des 31-jährigen Schauspielers aus. In den folgenden Jahren war Grant vor allem gefragt für seine Leichtigkeit als Komödiendarsteller, in Filmen von Howard Hawks, Leo McCarey und anderen, vor allem aber in weiteren Werken von Cukor. Suspicion (1941) brachte Grant die erste Zusammenarbeit mit Alfred Hitchcock den Durchbruch in den Thriller, der sich als so erfolgreich erwies, dass die beiden noch drei weitere Male zusammenarbeiteten und andere Regisseure Grant ebenfalls in diesem Genre einsetzten.
Es ist aufschlussreich, Grants Spiel in den Komödien und den Thrillern zu vergleichen: Es ändert sich kaum. Seine Mimik beschränkt sich im Grund auf das erboste Zusammenziehen der Nasenwurzel, den erstaunten Blick aus aufgerissenen Augen, das undurchdringliche Lächeln und ab und zu ein gewinnendes Lachen. Hitchcock hat dieses Grant'sche Mienenspiel noch zusätzlich zurückgenommen, so dass es ein sehr ironischer Insider-Joke ist, wenn Vandamme (James Mason) in North by Northwest ihn fragt: «Has anyone ever told you that you overplay?»
Nicht dass Grant völlig gegen diese Gefahr gefeit gewesen wäre: In Frank Capras Arsenic and Old Lace grimassiert er derart, dass man fürchtet, er könnte «dislocate his eyeballs for life» (Geoff Brown). Zeigen sich hier die Grenzen des schauspielerischen Vermögens von Grant, offenbart der Kontrast zu seinem zurückhaltenden Spiel bei Hawks oder Hitchcock, worin die grosse Qualität dieses Stars liegt: Er vertraut voll seiner magnetischen Leinwandpräsenz und macht nur gerade so viel, dass er lebendig und «natürlich» wirkt, doch was sich in den von ihm verkörperten Menschen abspielt, verrät sein Gesicht kaum.
So wird Grant zum idealen Objekt der Regiekünste: Die Komik oder Tragik, der Suspense oder die erotische Spannung einer Szene entsteht zum grössten Teil aus dem Umfeld, aus der Inszenierung, dem Spiel von Licht und Schatten und dem Einsatz der Musik. Und was lässt Grant nicht alles mit sich machen, wie wird ihm in den Komödien mitgespielt, wie wird ihm in den Thrillern zugesetzt! Grants Gesichtsausdruck bleibt dabei so neutral, dass die Zuschauerin und der Zuschauer die jeweils passenden Gefühle hineinlesen. Deshalb eignet er sich auch wie kaum ein anderer Star für Rollen mit doppeltem Boden, für Figuren, die sich als etwas anderes entpuppen, als sie anfänglich zu sein schienen. Viele seiner Figuren bleiben zutiefst ambivalent. In Hitchcocks Notorious etwa zweifelt das Publikum mit Ingrid Bergmans Alicia gemeinsam lange an den wahren Motiven des Agenten Devlin, und in Hawks’ His Girl Friday bleiben das professionelle Interesse des unverfrorenen Redakteurs an der Sensationsstory und sein privates Interesse an deren Schreiberin unentwirrbar.
Die Undurchdringlichkeit von Cary Grants Leinwanderscheinung hat zu den unterschiedlichsten Interpretationen – oder Projektionen? – geführt. Definieren ihn die einen als «epitome of the man-about-town» (David Thomson) und die Cary-Grant-ness als «unleashed, hyperactive, hyper-masculine» (Peter Kemp), suchen andere nach Rissen in diesem Bild – und führen dafür an, dass er mit seinem Schauspielerkollegen Randolph Scott zusammenlebte, bevor er sich viermal (nach anderen Quellen: fünfmal) für kurze Zeit verheiratete. Sicher ist, dass Grant einen anderen Männertypus verkörperte als etwa seine «härteren» Starkollegen Gary Cooper, Clark Gable oder John Wayne. «A male who was at once charming, intelligent, romantic, sensitive, witty, sexy, rascally, and as beautiful as a leading lady,» das gab es vor Grants Durchbruch, meint sein Biograf Marc Eliot, im amerikanischen Kino nicht. Einen Schritt weiter in der Demontage tradierter «Männlichkeit» ging 1949 Howard Hawks mit I Was a Male War Bride. Konfrontiert mit einer energischen Offizierin, zieht Grants Capitaine Rochard regelmässig den Kürzeren, optisch sinnfällig gemacht in den Verrenkungen, die dem Körper des Grossgewachsenen immer wieder (etwa in einem Seitenwagen, einem Sessel, einer Badewanne) zugemutet werden. Die finale Verkleidung als Frau erscheint da als konsequente Fortsetzung. Und hier bewährt sich Grants «minimal acting» (und Hawks’ geniale Regie) auf entscheidende Weise: Ohne jedes «feminine» Gehabe stakst der Mann in Rock und Perücke herum, gerade aus diesem Kontrast entsteht die komische Wirkung.
Was an Cary Grant immer wieder aufs Neue fasziniert: Er kann mit derselben stupenden Leichtigkeit ausgeglichen ruhig oder beunruhigend ironisch wirken, sympathisch oder unsympathisch (manchmal sogar beides zusammen), ganz als blendende Oberfläche erscheinen und zugleich verborgene tiefere Qualitäten und dunklere Seiten suggerieren. Oder, genauer gesagt, gute Regisseure können all dies durch ihn auf die Leinwand bringen.
Martin Girod