2013 |
TANZENDER EROS
Sie verspricht Spannung, Erotik und Drama und stellt herrschende Moralvorstellungen auf den Kopf. Sie birgt utopisches Potential, und nicht selten treibt sie auf ein verblüffendes Finale zu. Die Rede ist von der Ménage-à-trois im Kino. Diese prickelnde Beziehungskonstellation zwischen drei Menschen, die durch amouröse Gefühle verbunden sind, wird vom Film immer wieder neu durchgespielt. Im vorsommerlichen Juni präsentiert das Stadtkino Basel die schönsten und aussergewöhnlichsten Variationen, in denen Eros die Beteiligten in ihren Begierden und Besitzansprüchen auf Trab hält – von der Stummfilmzeit bis heute!
Einst, so fabuliert der Philosoph Platon in seinem «Symposion», hatten die Menschen die Gestalt einer Kugel. Sie besassen vier Arme und vier Beine, waren männlich und weiblich zugleich. Doch der strenge Göttervater Zeus schnitt die hochmütigen Kugelmenschen in jeweils zwei Hälften, die seither versuchen, wieder zusammenzufinden. Dieser Drang aber, der einen jeden antreibt, seine andere Hälfte zu finden, nennt man Eros.
So schön dieser Mythos zunächst scheint, in Wahrheit zeigt er, wie wenig erstrebenswert die Rückkehr zur angeblich idealen Kugelgestalt ist: denn wo die zwei Hälften glücklich vereint sind, braucht es Eros nicht mehr – indem man das Begehren befriedigt, tötet man es.
Es ist darum auch kein Zufall, dass romantische Komödien mit Vorliebe in dem Moment zu Ende gehen, wenn die Liebenden sich endlich in die Arme fallen. Denn die glückliche Vereinigung ist zugleich auch der tote Punkt jeder Liebesgeschichte. «Was nun kommt, ist nur noch Langeweile», scheinen uns die Filme zu sagen, wenn sie das Bild der Liebenden sogleich mit «The End» überschreiben. Welcher Zuschauer möchte denn schon mit ansehen müssen, wie die Geschichte weitergeht, wie die Leidenschaft dem alltäglichen Trott und die Liebe der Gewohnheit weicht? Die Liebe, welche sich aller Hindernisse entledigt hat, ist schal – so wissen es bereits die Minnesänger des Mittelalters, welche ausgerechnet die ganz und gar unerreichbaren Edeldamen zu erobern versuchen, und auch Shakespeares Romeo hat sich wohl mit gutem Grund ausgerechnet in jenes Mädchen verguckt, welches besonders schwer zu haben war. Denn wer die Erfüllung der Liebe möglichst lange hinauszuzögern weiss, der hat damit auch ihr vorzeitiges Ende aufgeschoben.
In Dreiecksgeschichten indes läuft die Liebe nie Gefahr, der Routine zu weichen, denn jene Behinderungen, welche Eros auf Trab halten, sind gerade Bedingung einer jeden Ménage-à-trois. Statt nach ihrer komplementären Ergänzung zu suchen, wie in Platons Mythos, wissen die Beteiligten einer Ménage-à-trois, dass sich ihre Beziehung nie zu einer langweiligen Kugel wird zusammenfügen lassen und dass zu ihnen immer mehr als nur eine Hälfte passt. Eine brave Ausgewogenheit der Gefühle stellt sich hier niemals ein, weil immer ein Drittes das Gleichgewicht stört.
Als dynamische Liebe, die immer in Bewegung bleibt, eignet sich die Ménage-à-trois darum auch besonders, um in bewegten Bildern erzählt zu werden. Während andere Filme mit der Paarbildung aufhören, geht in den Dreiecksgeschichten des Kinos das Abenteuer erst dann richtig los, wenn die Liebenden zusammenfinden. Nicht umsonst singt Jeanne Moreau in Jules et Jim ihren beiden Liebhabern das Lied vom «Tourbillon de la vie», dem «Strudel des Lebens». Denn – wie der Regisseur François Truffaut selber eingestanden hat – das Lied ist ein Schlüssel zum Film: Die Dreiecksgeschichte um die beiden Freunde Jules und Jim, welche dieselbe Frau lieben, ist selbst ein solcher in sich kreisender Strudel, in dem die Protagonisten immer wieder neu zueinander positioniert werden. Auch in Gregg Arakis Three Bewildered People in the Night stürzt das Ringen um Beziehungsformen jenseits der Norm die drei Hauptfiguren in tiefste Verwirrung. Und in Roman Polanskis Bitter Moon beginnt sich ob der Verwicklung eines jungen Mannes in die sadomasochistische Beziehung eines fremden Ehepaars auch im Kopf des Zuschauers alles zu drehen. Eros tanzt einen Reigen im Dreivierteltakt, und dabei werden Realität und Täuschung, Schmerz und Lust unentwirrbar ineinander verdreht – mit oft fatalem Ausgang. Nicht selten wissen die Verliebten den Strudel ihrer Ménage-à-trois nicht anders anzuhalten als mit dem Tod. So etwa in Ettore Scolas Dramma della gelosia, in dem zwei Männer schliesslich genau jene Frau vernichten, um die sie sich streiten, und auch in Alfonso Cuarons Y tu mamá también kann die Utopie der Dreiecks-Liebe nur im Ausnahmezustand des Sterbens verwirklicht werden.
Doch nicht alle Filme sind so pessimistisch, was die Ménage-à-trois angeht. So verblüfft etwa der russische Stummfilm Tret’ja Mešcanskaja (Bett und Sofa) aus dem Jahr 1927 noch heute, mit welch lakonischer Selbstverständlichkeit hier drei Personen in einer engen Moskauer Wohnung hausen und dabei Tisch, Bett und Liebe teilen. Und wenn die Ménage-à-trois schliesslich doch an der Frau scheitert, dann nicht weil diese im Strudel der Gefühle untergehen würde, sondern einfach weil es der emanzipierten Frau langweilig geworden ist, das Liebesobjekt zu spielen. Auch in Jean-Luc Godards Une femme est une femme ist die Tatsache, dass die von Anna Karina gespielte Angéla von zwei Männern zugleich geliebt wird, kein Grund zur Tragik. Auf dem Filmplakat sieht man, wie die beiden Männer auf den Händen der Protagonistin balancieren, und auch im Film jongliert die Heldin mit dem männlichen Begehren ganz unverfroren und federleicht. Nicht minder artistisch geht Joshua Logan mit seinem Paint Your Wagon an das Thema der Dreiecksgeschichte heran: Die Story um zwei Goldschürfer im Wilden Westen, die sich alles – nicht zuletzt eine Ehefrau – teilen, würfelt so viel Unvereinbares zusammen, dass der Zuschauer aus dem Staunen nicht herauskommt. Nicht nur, dass Lee Marvin, Clint Eastwood und Jean Seberg das wohl ungewöhnlichste Liebesdreieck der Filmgeschichte bilden, Logans Film ist auch formal eine Ménage-à-trois, vermählt er doch das Genre des Western zugleich mit jenem der Romantic Comedy und jenem des Musicals. Dass der Film am Ende doch glaubt, die Dreierkonstellation zugunsten einer klassischen Paarbeziehung aufgeben zu müssen, ist dabei nicht recht verständlich, hat doch die Ménage-à-trois eigentlich ausgezeichnet funktioniert. Da traute sich Ernst Lubitsch in seinem Meisterwerk Design for Living noch einiges mehr, wenn er die Liebeskomödie um einen Schriftsteller, einen Maler und eine Werbefrau nicht nur im Dreieck beginnen, sondern auch enden lässt. Zwar schliessen die drei einen Pakt, welcher die Sexualität aus ihrer Beziehung ausschliessen soll – ein Gentleman’s Agreement. «Nur leider», so sagt die kluge Frau, «bin ich kein Gentleman.» Man bleibt zusammen, wohl wissend, dass einem das Begehren immer wieder einen Strich durch alle Verträge machen wird. Doch das ist offenbar ganz gut so.
«Es gibt kein sexuelles Verhältnis», so hat der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan einmal behauptet. Doch hat er damit nicht gemeint, dass es keine Liebesbeziehungen gebe, ganz im Gegenteil. Aber die Beziehung zwischen Liebenden ist immer ein Unverhältnis, ist niemals austariert. Der Partner ist nicht wie in Platons Mythos bloss die Vervollständigung meiner selbst, sondern ein eigenständiges, eigenwilliges Wesen, das immer nur bedingt zu mir passt. Immer ist der Partner mehr, als was man von ihm erwartet, und gerade das macht ihn so begehrenswert. Diese Einsicht in die wunderbare Unverhältnismässigkeit der Liebe lehren die Ménage-à-trois-Geschichten des Kinos: Eine austarierte Liebe gibt es nicht – nur das Ungleichgewicht bringt Eros zum Tanzen.
Johannes Binotto