2013 |
DAS IDOL DES ITALIENISCHEN NACHKRIEGSKINOS
Der italienische Schauspieler Vittorio Gassman gab zu Beginn seiner Karriere vor allem den Latin Lover. Später, als er zum Idol des italienischen Nachkriegskinos geworden war, spielte er oft auch gebrochene Figuren. In über 120 Produktionen wirkte er mit, darunter Riso amaro, Profumo di donna und La famigilia. Im Stadtkino Basel sind diese und sechs weitere Filme mit Gassman zu sehen.
Fängt man an, über Vittorio Gassman zu schreiben, weiss man erst mal nicht, wo man anfangen soll. Einer der grössten Schauspieler des italienischen Theaters und des Kinos. Er hat nicht nur in Italien, sondern auch im Ausland gedreht, ernste, dramatische Rollen lagen ihm ebenso wie leichte Komödien, und auch für das Fernsehen hat Gassmann viel gearbeitet. Er war neben Schauspieler auch Regisseur, für Bühne und Kino, und hat nebenbei eine Autobiografie, Romane und Gedichte geschrieben. Doch all das sind keine Gegensätze, sondern eine grosse Einheit: die eines Menschen, der ganz für die Kunst lebte. Und wenn es bei all diesem künstlerischen Wirken einen gemeinsamen Nenner gibt, dann gewiss Gassmans Liebe zur Sprache. Bis ins letzte Detail, pedantisch, akribisch übte und pflegte der Schauspieler das nationale Idiom. Am liebsten das reine Italienisch der Bühne, dann aber scheinbar mühelos auch – falls es eine Rolle erforderte – die verschiedenen Dialekte der Halbinsel. Vielleicht ist diese Sprachperfektion auch mit ein Grund, weshalb seinen Arbeiten ausserhalb Italiens, obwohl er mit bedeutenden Regisseuren wie Robert Altman zusammenarbeite, weniger Erfolg beschieden war. Welchen Anteil Sprachvirtuosität am Können eines Schauspielers hat, bewies Gassman Ende der 90er Jahre hingegen zum reinen Divertissement der Zuschauer des italienischen Staatsfernsehen, als er mit ironischem Pathos einmal die Woche eine Speisekarte, chemische Analysen, Kleidungsetiketten oder die Ingredienzien auf Keksschachteln vorlas – als seien es Strophen der «Göttlichen Komödie». Der 1922 in Genua von deutschem Vater – das zweite «n»des Nach- fiel dem späteren Künstlernamen zum Opfer – und italienischer Mutter geborene Vittorio sollte nach elterlichem Wunsch Rechtsanwalt werden. Stattdessen besuchte er in Rom die «Accademia Nazionale d'Arte Drammatica» und stand 1943 das erste Mal auf der Bühne. Sein Ruf als brillanter Theaterdarsteller festigte sich besonders unter der Leitung von Luchino Visconti. Zeitlebens blieb Gassman dem Theater treu, spielte mit enormem Erfolg besonders Shakespeare und andere Klassiker, dennoch auch volkstümliche und moderne Stücke. Er richtete sich zu Hause sogar ein kleines Theater ein, um Verwandte und Freunde zu unterhalten. Trotzdem stimmt es nicht, wie gern behauptet wird, das Kino wäre für ihn nur ein minder geschätzter, besonders aus pekuniärem Antrieb verfolgter Nebenberuf. Kino und Theater seien zwei Triebe, die aus der gleichen Wurzel sprössen, betonte Gassman gerne. Mehrmals machte er sich auch zum Kämpfer und Fürsprecher für eine erfolgreiche italienische Filmproduktion. Ohne Zweifel genoss der nach eigenen Angaben eitle und mit nicht wenig Exhibitionismus ausgestattete Schauspieler vor allem aber auch die Breitenwirkung des Kinos (und später des Fernsehens). Die ersten Interpretationen in seiner 1945 begonnenen und über 120 Spielfilme umfassenden Kinokarriere waren noch von geringer Bedeutung, doch dann finden wir Gassman an den Eckpunkten der italienischen Filmgeschichte der Nachkriegszeit wieder. Aufmerksamkeit erlangte er zum ersten Mal in Riso amaro (Giuseppe de Santis, 1949). Wie alle Klassiker des «Neorealismo» an Originalschauplätzen, mit Laiendarstellern und sozialem Gespür gedreht, zeigte der Film jedoch mit seinen schauspielerisch geschulten Hauptdarstellern wie Gassman, Raf Vallone und Silvana Mangano die Richtung auf, in die sich die Bewegung entwickeln würde. Im herrlichen I soliti ignoti von Mario Monicelli, der allgemein als Initialzündung der «commedia all'italiana» gilt und mit die schönsten Dialoglinien des Genres aufweist, gelang 1958 Gassman auch der Durchbruch als komischer Darsteller. Selbst neben Altmeister Totò und dem hier erstmals zu grösserer Aufmerksamkeit gelangenden Marcello Mastroianni zieht Gassman als ein dauernd sich selbst überschätzender Anführer einer Gaunerbande die meisten Blicke auf sich. Seine für die damalige Zeit imposante Statur, seine Schönheit und sonore Stimme, Charme und Witz, aber auch ein Stück Überheblichkeit und Aggressivität entwerfen sowohl in den dramatischen wie in den komödiantischen Werken ein Idealbild italienischer Maskulinität. Prototypisch für die Jahre des Wirtschaftsbooms ist die Rolle des rastlosen, hyperaktiven, geschwätzigen Optimisten Bruno, der am Steuer seines Lancias ein Leben auf der Überholspur für sich in Anspruch nimmt: Il sorpasso von Dino Risi hat für Italien nebenbei das Roadmovie erfunden. Apotheose der Virilität, wenn auch mit kritischen Untertönen, ist ein weiteres Werk Risis, Profumo di donna, für das Gassman 1975 in Cannes den Darstellerpreis bekam und das später mit Al Pacino in den USA neu verfilmt wurde. Während Gassman mit seiner direkten Art, mit einschüchternder und manchmal akademisch wirkender Eloquenz die Öffentlichkeit auch polarisierte – doch privat litt er in späteren Jahren unter grossen Selbstzweifeln und Depressionen –, galt er bei Freunden und Kollegen als herzlicher und treuer Weggefährte. So arbeitete er gerne wiederholt mit den gleichen Regisseuren zusammen. Neben Monicelli und Risi zählte besonders Ettore Scola zu seinen guten Freunden. In C'eravamo tanto amati und la La famiglia, die in intimer Sicht ein Stück italienische Geschichte Revue passieren lassen, schliesst sich auch für Gassmans Figuren ein Zyklus: Der etwas ungestüme, überhebliche Macho ist nun etwas ruhiger und vor allem nachdenklicher geworden. Till Brockmann