2013 |
SUBVERSION, FASZINATION ODER FLUCHTRAUM?
Was fasziniert das moderne Kino an dieser fernen und fremden Epoche? Mit welchen Mittelalterbildern haben wir es in den massenwirksamen Leinwandinszenierungen zu tun? Woher kommt diese Lust am Unzeitgemässen? Diesen und ähnlichen Fragen möchte die in Zusammenarbeit mit dem Historischen Seminar und dem Institut für Medienwissenschaften der Universität Basel veranstaltete Februar-Filmreihe nachgehen. Mit diesem Kooperationsprojekt unternimmt das Stadtkino Basel den Versuch, zwischen Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft eine Brücke zu schlagen.
Ausgerechnet das Mittelalter. Jene Epoche also, die ihre humanistischen Erfinder nur als Unterbruch zwischen der leuchtenden Antike und deren Wiedergeburt in der Renaissance verstanden wissen wollten und ihr damit auch den passenden Namen gaben: «medium aevum», mittleres Zeitalter, Zwischenzeit. Den Ruch des Finsteren und Dunklen, des Abergläubisch-Irrationalen, des religiös Verblendeten und politisch Rückständigen sollte das Mittelalter nie mehr loswerden. Noch in Immanuel Kants berühmter Definition aus dem Jahr 1784, was denn Aufklärung sei, bilden diese Mittelaltervorstellungen die Folie, auf der die Aufklärung als Überwindung der «selbstverschuldeten Unmündigkeit» des Menschen gefeiert werden kann. Es waren dann die Romantiker, die an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert ein neues, verklärtes Mittelalterbild schufen. Nun rückten die Ritter und Burgen, die Heldenlieder und Volksmärchen ins Zentrum der Mittelalter-Imagination, stand das mittelalterliche Christentum nicht länger für analphabetische Frömmigkeit, Inquisition und Unterdrückung, sondern als Garant für eine vergangene, aber glückliche Epoche von Ganzheit und (Volks-)Gemeinschaft, die in der Moderne sich vermeintlich aufgelöst hatten. Das Mittelalterbild der Romantik war eine religiös überhöhte Utopie harmonischer Ganzheitlichkeit, in der viele Dinge ihren Platz haben sollten: Gemeinschaftsgefühl und nationales Erbe, Ursprünglichkeit und Volkskultur, christlicher Glaube und Mythologie. Beide Strömungen dieser unterschiedlichen Mittelalterbilder sind bis heute präsent und haben sich tief in den kulturellen Vorstellungen über das Mittelalter verfestigt, ohne sich ausschliesslich in Konkurrenz gegenüberzustehen: In der zeitgenössischen Popkultur gehen sie Verbindungen miteinander ein, überlagern und transformieren sich wechselseitig. Der literarische und cineastische Erfolg von Umberto Ecos Name der Rose liegt auch darin begründet, dass beide Mittelalterbilder in Buch und Film miteinander ringen: Hier die antihumanistische, von Aberglauben durchdrungene Welt der mittelalterlichen Klöster und der kirchlichen Hierarchie, dort die von kritischer Vernunft bestimmte Welt des Mönchs William von Baskerville, dessen Suche nach dem verschollenen Manuskript von Aristoteles’ Traktat über die Komödie nichts anderes wiederum ist als die romantische Suche nach der Blauen Blume. Heute sind Mittelaltermärkte und Ritterturniere längst in die Historischen Museen eingezogen. Während drinnen die mittelalterlichen Kunstobjekte mit kritischer Distanz präsentiert werden, wird draussen auf Vorplätzen ein Mittelalterspektakel geboten, mit kostümierten Rittern und splitternden Lanzen, mit scheinbar authentischen Handwerksleuten und «Kunsthandwerk» asiatisch-industrieller Massenproduktion. Das Publikum durchschaut zwar die Illusion von ritterlicher und handwerklicher Ursprünglichkeit – und gibt sich dennoch gerne dem schönen Schein und seiner Sehnsucht nach einem einfacheren Leben hin. Doch ist in der Pop-Kultur das Mittelalter inzwischen weitergezogen in das Genre der Fantasy-Kultur, in der sich Mythologie, Esoterik und Science-Fiction vielfältig mischen und doch kaum ihren Leittext verschweigen können: Tolkiens Lord of the Rings. Hier nun, in mythologischen Zeiten und Welten, wird das grosse Drama des Kampfes zwischen Gut und Böse mit durchaus mittelalterlicher Staffage aufgeführt – wie einst beim Artus-Stoff: Zu den edlen Orden der Ritter gesellen sich Zwerge, Zauberer, Elfen, Kobolde und Riesen, die ihren literarischen Ursprung zwar in nordischen Volksmythologien haben, aber seit der Romantik als indigene Einwohner des Mittelalters gelten. Das Mittelalter ist deshalb mehr als etwa die Antike zur Projektionsfläche literarischer und filmischer Erzählungen geworden. In der hundertjährigen Geschichte des Films war das Mittelalter von Anfang an auch filmischer Erzählraum – mit ganz unterschiedlichen Absichten und ideologischen Ansprüchen. Als patriotische Rückerinnerung an die eigene Geschichte zur Stabilisierung nationaler Identität und Wehrhaftigkeit (Sergej Eisenstein, Alexander Newski (1938); Leopold Lindtberg, Landammann Stauffacher (1941)) oder als verkappter Aufruf zur Résistance (Marcel Carné, Les visiteurs du soir (1942)). Als filmästhetischer und gegenwartskritischer Versuch, das vermeintlich überwundene Mittelalter mit der eigenen Gegenwart zu konfrontieren (Pier Paolo Pasolini, Il Decameron (1971)) oder subversiv zu unterlaufen (Terry Gilliam, Terry Jones, Monty Python and the Holy Grail (1975)). Als Neudeutung historischer Persönlichkeiten (Carl Theodor Dreyer, La passion de Jeanne d'Arc (1928); Luc Besson, The Messenger: The Story of Joan of Arc (1999); Richard Lester, Robin and Marian (1967)), als Reaktualisierung von Mythologien aus dem Zeitgeist expressionistischer Kunst (Paul Wegener, Carl Boese, Der Golem, wie er in die Welt kam (1920), Fritz Lang, Die Nibelungen: Siegfried (1924)) oder der Jung’schen Archetypenlehre (John Boorman, Excalibur (1981)). Ausgerechnet das Mittelalter. Nur das Mittelalter! Denn dies ist die historische Blackbox schlechthin. Hier werden zeitgenössische gesellschaftliche, politische und ästhetische Debatten in der filmischen Verfremdung geführt: subversiv oder ideologisch, als Fluchtraum aus der Wirklichkeit oder auch aus Faszination an einer Epoche, die als ganz und gar andere, als die uns fremdeste gilt.
Marco Vencato, Gunnar Mikosch, Hansmartin Siegrist