2013 |
ZWEI FRAUEN AUF EINEN STREICH
Scarlett Johansson und Penélope Cruz zählen derzeit ohne Zweifel zu den angesagtesten jungen Schauspielerinnen. Mit Talent, Ehrgeiz und erotischer Ausstrahlung haben die beiden Frauen innerhalb weniger Jahre weltweit die Kinos erobert. Dabei sind zwei beachtlich vielfältige Filmografien entstanden, aus denen das Stadtkino Basel im Februar die Höhepunkte präsentiert.
Woody Allens Filme leben meist von drei Dingen: seinen eigenen Neurosen, der Stadt New York und einer von ihm gerade besonders angebeteten Frau. In seinem neuesten Werk Vicky Cristina Barcelona ist das aber etwas anders. Hier sind es die Neurosen zahlreicher anderer, Barcelona statt New York und vor allem: gleich zwei Frauen. Denn Scarlett Johansson, die nach den Diane-Keaton- und Mia-Farrow-Phasen in Allens Früh- nun eine Johansson-Phase im Alterswerk ausgelöst hat, bekommt Verstärkung von Penélope Cruz – für die erste wirklich konsequente Ménage à trois in Allens Filmografie. Die beinahe grösste Aufmerksamkeit erhielt eine einzige Szene: die Kussszene zwischen Cruz und Johansson, die nicht nur denselben Mann – gespielt von Javier Bardem – lieben, sondern nach erheblichen Anlaufschwierigkeiten auch plötzlich einander nicht mehr ohne Anreiz finden. Um dies möglichst glaubhaft zu machen, wählte Allen zwei Schauspielerinnen, die für ganz unterschiedliche, ja beinah konträre Beuteschemata stehen. Cruz, die hier eine von rasender Eifersucht geplagte Künstlerin am ständigen Rande des Nervenzusammenbruchs spielt, setzte sich im kollektiven Gedächtnis vor allem als temperamentvolle Spanierin par excellence fest – in den schrillen, oftmals leicht surrealen Filmen des spanischen Regiestars Pedro Almodóvar. Die zehn Jahre jüngere Johansson hingegen – die im Allen- Film Cruz’ eher zurückhaltenden Kontrapart gibt – ist längst auf sanft-sinnliche Rollen abonniert, denen meist auch etwas Unschuldig-Naives anhaftet.
Dennoch haben die beiden nicht nur gemeinsam, dass sie bei den Dreharbeiten zum neuen Allen-Film offensichtlich zum ersten Mal auf einem Fahrrad gesessen haben: Beide verdanken einen Grossteil ihres Erfolgs ihrer erotischen Ausstrahlung, weshalb sie auch regelmässig zur «sexiest woman alive» gekürt werden.. Beide gelten als zwei der besten Schauspielerinnen der Welt. Und beide haben sie schon früh den Stachel des Ehrgeizes gespürt. Sehr früh sogar: Johansson besuchte bereits als Kind die Lee-Strasberg-Schauspielschule in New York. Mit zwölf beeindruckte sie mit ihrer ersten Hauptrolle im Jugenddrama Manny & Lo – und wurde sofort als Entdeckung gefeiert. Als Vierzehnjährige verzückte in Robert Redfords The Horse Whisperer und zwei Jahre später in Terry Zwigoffs schräg-subversiver Comicverfilmung Ghost World.
Auch Cruz gewann bereits mit 15 Jahren einen Talentwettbewerb. Dessen Preis: ein paar Auftritte in spanischen TV-Shows. Ihr Ziel war aber von Anfang an ein ganz anderes. Bereits mit 13 Jahren hatte sie sich nämlich heimlich in ihren ersten Almodóvar-Film geschlichen. Seither bezeichnet sie sich als Seelenverwandte des Regisseurs: «Ich wollte nur Schauspielerin werden, um einmal in solch einem Film mitspielen zu können.» Tagelang trieb sie sich in Almodóvars Wohnquartier herum – in der Hoffnung, ihm zu begegnen. Eine Agentin suchte sie sich angeblich nur, damit diese bei ihm «Sturm läutete». Und tatsächlich: Es fruchtete. Als sie 17 war, rief er sie an. «Mir blieb beinahe das Herz stehen», erzählte sie später. «Er sagte zwar, jetzt sei ich noch zu jung. Aber in ein paar Jahren hätte er bestimmt eine Rolle für mich.»
Bevor Cruz aber tatsächlich zu einer seiner grössten Musen wurde, debütierte sie 18-jährig erstmal in Fernando Truebas Politkomödie Belle Epoque, die 1994 den Oscar als bester fremdsprachiger Film erhielt und sie einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machte. Mit der in demselben Jahr abgedrehten Erotiksatire Jamón, jamón – von dem Cruz inzwischen sagt, es sei ein Wunder, dass er ihre Karriere nicht für immer ruiniert habe – wurde sie in Spanien dann schlagartig zum Star. Lustigerweise an der Seite Javier Bardems, in welchen sie sich erst 16 Jahre später bei den Dreharbeiten zu Vicky Cristina Barcelona verlieben sollte (inzwischen sind die beiden verlobt).
Den eigentlichen Durchbruch hatte auch Scarlett Johansson Anfang zwanzig. Mit Sofia Coppolas Lost in Translation, durch welchen sie und Bill Murray 2003 zum Instant-Kultpaar wurden, schaffte sie den Übergang vom Kinder- zum Hollywoodstar erster Güte. Seither drehte sie bereits 20 weitere Filme und zierte das Cover wohl jedes Hochglanzmagazins der Welt. Seither zierte sie das Cover wohl jedes Hochglanzmagazins der Welt und drehte bereits 20 weitere Filme – darunter so unterschiedliche wie die eher belanglosen romantischen Komödien In Good Company und The Nanny Diaries, den Sci-Fi-Thriller The Island, die eindrücklichen, um reale historische Vorbilder angelegten Kostümdramen Girl with a Pearl Earring oder The Other Boleyn Girl sowie die vielgelobten Allen-Streiche Scoop und Match Point. Nicht nur Johansson verdankt Coppolas Film aber viel, sondern dieser ihr gar seine Existenz. «Ohne Scarlett hätte es Lost in Translation gar nicht gegeben», sagt Coppola. Sie hatte die Jungschauspielerin in Ghost World gesehen und sie so inspirierend gefunden, dass sie ihr sofort diese Geschichte auf den Leib zu schreiben begonnen hatte.
Ein Leinwanderlebnis initiierte auch Cruz’nächsten grossen Karrieresprung: Tom Cruise verliebte sich im Mystery-Thriller Abre los ojos vom Fleck weg in sie und gab später an, schon während des Abspanns am Handy geklebt zu haben, um sich die Remake-Rechte zu sichern. Am Ende bekam er nicht nur diese, sondern auch Cruz, ohne die er das Remake nicht drehen wollte und die während der Dreharbeiten seine Geliebte wurde.
Diese Liaison gab schliesslich gar deutlich mehr zu reden als der Film selbst, da Vanilla Sky an die verstörende Komplexität des Originals bei Weitem nicht heranreichte. Und an diesem Missverhältnis hat sich seither nicht viel geändert: Auf Cruz’ private Liebesabenteuer stürzt sich die Weltpresse nach wie vor, während fast all ihre US-Filme sowohl künstlerisch als auch kommerziell scheiterten. Das sei ungerecht, findet Almodóvar: «Penélope ist eine wirklich originelle Schauspielerin, deren Talent zu selten ausgeschöpft wird. Viele sehen in ihr eben vor allem das hübsche Liebchen mit dem exotischen Akzent.» Ihre grössten Erfolge feiert sie bis heute vor allem mit Filmen aus ihrer Heimat – allen voran jenen Almodóvars. Die Rollen in seinen exaltierten Melodramen gehören bis heute zu ihren eindrücklichsten – sei es als schwangere Prostituierte in Carne trémula, als aidskranke Nonne in Todo sobre mi madre oder als semi-kriminelle Mutter im schwarzhumorigen Volver. Getoppt wird diese Leistung vielleicht nur noch im neuen Allen-Film, in welchem Cruz die weiss Gott auch nicht gerade unbegabte Johansson buchstäblich an die Wand spielt.
Michèle Wannaz