2013 |
DER KÖNIG VON HOLLYWOOD
Über Billy Wilder, den Meister der Komödie, der sich in anderen Genres genauso wohl fühlte, sagte Jack Lemmon einmal: «Der Mann ist ein verdammtes Genie.» Wie recht der amerikanische Komödiant hatte: Wie kein Zweiter täuschte Billy Wilder mit einer unerreichten Leichtigkeit über die Schwere seiner Themen hinweg und jonglierte virtuos mit den Widersprüchen dieser nicht ganz perfekten Welt. Er selbst fasste seine Methode pointiert zusammen: «Du darfst die Leute nie langweilen; und wenn du etwas Wichtiges zu sagen hast, musst du es in Schokolade verpacken.» Der Perfektionist wurde dafür geliebt und mit Oscars überhäuft. Das Stadtkino Basel zeigt aus der ein halbes Jahrhundert andauernden Karriere sechzehn der wichtigsten Werke.
Als Sohn jüdischer Eltern am 22. Juni 1906 in Sucha in Österreich-Ungarn geboren, arbeitet Samuel Wilder, Billy genannt, nach einigen Semestern Jura zuerst als Eintänzer und Unterhalter gepflegter alter Damen im Berliner Hotel Adlon, um sich dann dem Journalismus zuzuwenden. Schon bald (1927) wird er – innerhalb der mächtigen UFA-Studios – an der Seite Robert Siodmaks und Fred Zinnemans zum Drehbuchschreiber. Man beschäftigt ihn zum Verbessern fremder Drehbücher, aber er darf auch eigene schreiben. Als Adolf Hitler 1933 an die Macht kommt, nimmt Wilder den Zug nach Paris. Er ist einer der ersten von 1500 jüdischen Filmemachern, die bis 1939 nach Hollywood emigrierten.
Man muss diesem pfiffigen jungen Mann wirklich sehr deutlich angesehen haben, dass er mit Film zu tun haben sollte, denn selbst so eine kleine biografische Zeile wie «Zwischenstation in Paris», die sich bei so manchem Gegner des Nationalsozialismus findet, wird für Billy Wilder zum Karriereschritt. Quasi auf der Durchreise dreht er seinen ersten eigenen Film Mauvaise Graine mit Danielle Darrieux. Dann, in Amerika, arbeitet er noch kurz als Co-Autor bei Ernst Lubitschs, Ninotschka (1939) mit Greta Garbo, um dann sehr bald auf eigenen Füssen zu stehen.
Als Billy Wilder in Amerika ankommt, kann er gerade mal 100 Worte Englisch, und er sollte in den folgenden sechs Jahrzehnten dort seinen Akzent beibehalten. Er stand zu seiner Unsicherheit im Amerikanischen und tat sich deshalb stets mit Co-Autoren zusammen.
Mit Double Indemnity noch während des Krieges ging sein Stern auf, aber anders, als man es heute annehmen würde. Es geht um einen Versicherungsbetrug durch Mord, und die Bösen sind ganz klar die Helden. Die ersten Filme Wilders sind schwarz und tragisch. Trotz aller Erfolge steckt in allen ein Gran Widerspruch, der Wunsch, es anders zu machen als die anderen. Edward G. Robinson, der notorische Bösewicht, spielt da den Detektiv. The Lost Weekend ein Jahr später ist ein finsteres Alkoholikerdrama. Ace in the Hole stellt geradezu visionär einen degenerierten Sensations-Journalisten (Kirk Douglas) an den Pranger. Sogar die Komik in Some Like It Hot ist einem bitter ernsten Anlass geschuldet. Die zwei arbeitslosen Jazz-Musiker (Jack Lemmon und Tony Curtis) werden Zeugen eines Mafia-Massakers und daraufhin Objekt einer gnadenlosen Verfolgungsjagd. Das höchste Prädikat, das Wilder einem eigenen Film zugestand, hiess: «Er hat am wenigsten Fehler.» Das galt für die Travestiegeschichte mit der Damenband. Richtig gemocht hat der stets (selbst-)kritische Wilder The Apartment, ein Streifen, in dem ein kleiner Angestellter (Jack Lemmon) seinen Vorgesetzten die Wohnung für erotische Abenteuer zur Verfügung stellt, bis er bemerkt, dass eins der Büro-Flittchen (Shirley MacLaine) seine eigene grosse Liebe ist. Wilder zwingt diese frivole, tragische Falle in ein Happy End, weil er sich vorstellte, dass so eine Liebe für immer halten müsste. Wilder bekam dafür drei Oscars. Die Kritik spekulierte damals auch über Wilders weiches Herz, denn er galt als kalter Zyniker, weil er immer wieder niedrige Motive (Geld, Sex), aber auch die amerikanische Prüderie und Rücksichtslosigkeit als Movens menschlichen Handelns ausmachte. William Holden, der Protagonist in Sunset Boulevard, sagte von ihm, er hätte «den Kopf voller Rasierklingen».
Wilders beissender Humor kommt häufig dann zum Blühen, wenn er vor dem Hintergrund brisanter Ereignisse eingesetzt wird; Paradebeispiel dafür ist die bitterbösen Satire über den kalten Krieg One, Two, Three. Mit deutschen und amerikanischen Schauspielern (James Cagney und Horst Buchholz) realisierte er den Film in Berlin und musste, als am 13. August 1961 der Bau der Mauer begann, seine Szenen ums Brandenburger Tor in München in einer Attrappe drehen. Der fertige Film verschwand allerdings aus Rücksicht aufs Publikum im Giftschrank. 15 Jahre später wurde er hervorgeholt, und die europäischen Zuschauer konnten kaum glauben, was für ein Meisterwerk ihnen vorenthalten worden war.
Man konnte in den 60er Jahren den Eindruck gewinnen, der Kreis des Wilderschen Talents wäre ausgeschritten und abgeschlossen. In Irma la Douce war ein Wunsch nach Harmonie abzulesen, den man bei ihm zuvor nicht kannte. Das Ätzende, das Sensationelle, das Kometenhafte schien verschwunden, die Abstände zwischen den Produktionen wurden grösser. Er tat sich im Wesentlichen wieder mit Lemmon und Matthau zusammen – der Meister verliess sich auf das, was er konnte.
Buddy, Buddy ist das gelungene Remake der französischen Komödie L’emmerdeur von Francis Veber. An die Stelle von Jacques Brel und Lino Ventura traten Jack Lemmon als Selbstmörder und Walter Matthau als Auftragskiller, ein Schulbeispiel für die Verschmelzung von Tragödie, Komödie und schmutziger Politik.
Der Film blieb – wegen des finanziellen Misserfolgs – Wilders letztes Werk. Seit Beginn der 80er Jahre gehörte Wilder also gegen seinen Willen zum alten Eisen, trotz einer beispiellosen Karriere, gekrönt von sechs Oscars, unzähligen Oscar-Nominierungen und vielen anderen Preisen.
In seinem Büro hatte Wilder einige vorläufige Erkenntnisse an die Wand gepinnt, die an Klarheit nichts zu wünschen übrig liessen. Eine davon hiess: «Wie hätte Lubitsch es gemacht?», eine andere: «Die zehn Gebote des Filmemachens». Die ersten neun lauteten: «Du sollst nicht langweilen!» Das Filmemachen war nicht nur das Wichtigste im Leben, ein Film sollte auch «etwas Komplettes» sein, eine Art Gesamtkunstwerk aus Bildern, Dialog und Musik. Aber so «positive» Definitionen waren nur selten von ihm zu haben, sofort ritt ihn im Gespräch wieder der Teufel: Er wollte gern mit 104 Jahren sterben – erschossen vom eifersüchtigen Ehemann der Frau, mit der er gerade im Bett liegt.
Billy Wilder hatte eine Stärke für starke letzte Sätze. Gibt es einen bekannteren Filmschluss als den von Some Like It Hot? Eine Szene im rasenden Motorboot: Der froschartige Millionär will unbedingt Jack Lemmon, der umständehalber Frauenkleider trägt, heiraten. Lemmons ultimativer Abwehrschlag ist die Wahrheit: «I’m a man.» Darauf der verliebte Freier: «Well, nobody’s perfect!»
Joachim Johannsen