2013 |
VON ANGST UND TOD, SEHNSUCHT UND LIEBE
Es sind die einprägsamen, genialen Bilder, welche die poetischen Filme von Andrej Tarkowskij verewigen: die fliegende Kamera als subjektiver Blick über eine Flusslandschaft, die davonspringenden Pferde und die abrupte Landung mit dem selbst gebauten Flugobjekt, das gebündelte Licht durch ein Astloch oder das schlichte Lächeln in den Gesichtern von Laiendarstellern. Die Bilder lassen staunen, sie erschüttern und erlauben Einblicke in die Erfahrungs- und Gefühlswelten anderer. Das Stadtkino Basel widmet dem aussergewöhnlichen Filmemacher eine Werkschau.
Es sind die einprägsamen, genialen Bilder, welche die poetischen Filme von Andrej Tarkowskij verewigen: Die fliegende Kamera als subjektiver Blick über eine Flusslandschaft, die davonspringenden Pferde und die abrupte Landung mit dem selbst gebauten Flugobjekt, das gebündelte Licht durch ein Astloch oder das schlichte Lächeln in den Gesichtern von Laiendarstellern. Die Bilder lassen staunen, sie erschüttern und erlauben Einblicke in die Erfahrungs- und Gefühlswelten anderer. Das Stadtkino Basel widmet dem aussergewöhnlichen Filmemacher eine Werkschau. Auf einer kleinen nordischen Insel pflanzt der ehemalige Schauspieler Alexander an seinem Geburtstag zusammen mit dem sechsjährigen Söhnchen am Strand ein verdorrtes Bäumchen. Das Kind ist stumm, der wortgewaltige Vater dagegen erzählt von einem Mönch, der einen abgestorbenen Baum durch sein tägliches Giessen zu neuem Leben erweckte. So versucht er dem Kind die Kraft des Rituals zu erklären.
Diese Szene steht am Anfang von Tarkowskjis letztem Film Das Opfer. Es sind solche Bilder, die sich in unsere Erinnerung brennen als Gleichnisse von biblischer Einfachheit und Klarheit. Ein anderes Beispiel ist die Ruine einer italienischen Kirche, in deren Chor ein russisches Gehöft steht. Die Sehnsucht nach der Heimat scheint eins zu werden mit jener nach Erlösung, nach Gott. Das Bild stammt aus Nostalghia, wo auch jener verzweifelte Versuch zu finden ist, ein brennendes Licht über ein fast leeres Wasserbecken zu tragen. Die Flamme darf nicht verlöschen. «Im Film muss man nicht erklären, sondern direkt auf die Gefühle der Zuschauer einwirken. Die erwachten Emotionen setzen dann die Gedanken in Bewegung», schrieb Andrej Tarkowskji in seinem Buch «Die versiegelte Zeit».
Scheinbar liegen die Themen der einzelnen Filme weit auseinander: Der Diplomfilm Die Walze und die Geige (1960) handelt von einem Buben, der die Geige dem Fussball vorzieht und andrerseits mit einem Walzenfahrer Freundschaft schliesst. Auch im ersten langen Spielfilm Ivans Kindheit (1962) steht ein Knabe im Zentrum, eine Waise, die für eine Partisanengruppe arbeitet. Andrej Rubljow (1966—1968) dagegen ist das Porträt eines mittelalterlichen Ikonenmalers, der sich von der heiligen Kunst abwendet, weil ihm der Horror der Welt bewusst wird. Dann vom Mittelalter in die Zukunft: Solaris (1971) ist unschwer als Science-Fiction-Film zu erkennen, ohne artistische Spezialeffekte sondern mit dem Rätsel Mensch im Fokus.
Als Selbsterforschung bleibt in Der Spiegel (1974) das Leben Hauptthema, allerdings in einem autobiografisch abgesteckten Feld. Von einer langen Expedition in die Zone und durch sie zu einem geheimnisvollen weissen Raum berichtet Stalker (1979), ein in seiner Bildersprache schmerzhaft konsequentes Werk, von der Verirrung des Menschen in seinem giftigen Unrat, von verstrahlten Ruinen und dem Geheimnis des Heiligen. Im Unterschied zu den genannten Filmen wurde Nostalghia (1983) nicht in der Sowjetunion, sondern in Italien gedreht. Heimat und Fremde, Erinnerung und Zukunft, Spiritualität und Materialismus bilden die Basis der an Zeichen, Erscheinungen und Angstträumen reichen Geschichte.
Mit Das Opfer, dem letzten, ebenfalls im Westen realisierten Werk, fasst Andrej Tarkowskji seine lebenslange Auseinandersetzung mit unserem Menschsein und unserer Gottsuche, die auch als Suche nach der verlorenen Liebe bezeichnet werden könnte, noch einmal zusammen. Anders gesagt, berühren sich hier Verzweiflung und Hoffnung, Opfer und Erlösung. So unterschiedlich die einzelnen Filme erscheinen, gehören sie aus der Perspektive von Das Opfer oder «Sacrificatio», aus der Sicht dieses Vermächtnisses zusammen, ja bilden sogar eine seltene Ganzheit. Vielleicht ist sie versiegelt für viele, andere wird sie auf den Weg zu sich selbst oder zumindest zum Nachdenken über Welt und Sein führen. Bilder werden ihn säumen. Ein dürres Bäumchen, das zum Leben erwacht.
Fred Zaugg