2013 |
DIE GÜTE IN PERSON
Kaum eine Schauspielerin hat das Gesicht der Kinogeschichte so geprägt wie Marlene Dietrich. Kaum eine hat so professionell gearbeitet wie sie. Und kaum eine wurde von ihren Kolleginnen und Kollegen so geschätzt. Das Stadtkino Basel erinnert an eine starke Persönlichkeit.
Sie ist Schauspielerin, Sängerin und Lyrikerin, Star und Kumpel, Deutsche und Amerikanerin. Sie ist Intellektuelle, Göttin der Leinwand und Hausfrau mit Sinn fürs Praktische. Sie hat weltberühmte Beine, auf denen sie mit selbst gebackenen Keksen zum Dreh erscheint. Sie kocht ausgezeichnet, liebt Männer und Frauen und macht keinen Hehl daraus. Sie ist der Inbegriff von Erotik, eine Ikone für Lesben und Schwule. Sie ist aus der Kinogeschichte nicht wegzudenken. Nachdem sie in über zehn Stummfilmen mitgewirkt hat, wird die 29jährige Marlene Dietrich 1930 von Josef von Sternberg für Der blaue Engel engagiert. Der Film verhilft ihr zum Durchbruch, nicht zuletzt dank Friedrich Hollaenders Song «Ich bin von Kopf bis Fuss auf Liebe eingestellt». Am Morgen nach der Premiere verlässt sie Deutschland in Richtung Hollywood, um mit Sternberg weiterzudrehen: zunächst Morocco (1930), wo sie in Frack und Zylinder auftritt, eine Frau küsst und Gary Cooper den Kopf verdreht, dann Blonde Venus (1932), Shanghai Express (1932) und Scarlett Empress (1934) über Katharina die Grosse, Zarin von Russland. Sternberg komponiert sie aus Licht und Schatten, man sagt ihm nach, er benutze die Kamera wie ein Maler seinen Pinsel. Hier entstehen sie, die Bilder der perfekt ausgeleuchteten Marlene Dietrich, die sich ins kollektive Gedächtnis einbrennen, den Mythos festigen und uns bis heute von «der Dietrich» oder einfach nur «Marlene» sprechen lassen. Sie, die ursprünglich nur als Antwort auf Greta Garbo gedacht war, wird buchstäblich zur Lichtgestalt und zur eigenen, unverwechselbaren Leinwandpersönlichkeit. Mitte der Dreissigerjahre verebbt der Erfolg und sie wird wie Garbo und Katharine Hepburn zum Kassengift. Sie ändert kurzerhand ihr Image, spielt nun vermehrt handfeste, aber auch derbe Rollen, wie das Flittchen Frenchy in George Marshalls Western Destry Rides Again (1939). Nicht immer ist ihre Wahl glücklich: «Wer ausser Marlene hätte so viele schlechte Filme überstehen können?» fragt später der Regisseur William Dieterle, mit dem sie 1944 das 1001-Nacht-Spektakel Kismet dreht. Als unübertrefflich gilt sie, wenn sie in sarkastischen Komödien auftritt oder mit dem Glanz der Halbwelt kokettiert. Angebote aus dem nationalsozialistischen Deutschland lehnt sie strikte ab, stattdessen wird sie US-Bürgerin, macht im Zweiten Weltkrieg Truppenbetreuung und tritt vor amerikanischen GIs auf. Nach Kriegsende wird sie dafür in Frankreich und den USA geehrt, in Deutschland beschimpft. Trotzdem (oder deswegen) spielt sie bei Billy Wilder deutsche Sängerinnen im zerbomten Deutschland, 1948 in A Foreign Affair, zehn Jahre später im umjubelten Witness for the Prosecution. 1961 gibt sie in Stanley Kramers Judgment at Nuremberg die Witwe eines von den Amerikanern hingerichteten Generals. Es ist ihre letzte grosse Filmrolle - sie nimmt sie an, ohne das Drehbuch gelesen zu haben -, aber längst nicht ihr letzter Auftritt. Seit 1953 feiert sie mit Songs, die sie mehr spricht als singt, weltweite Erfolge, zuerst in Las Vegas an der Seite von Louis Armstrong, dann allein mit ihrer legendären «one-woman show». Sie hat keine Angst, weder vor politischer Brisanz noch vor pazifistischem Engagement: In atemberaubenden Roben singt sie vor ausverkauften Häusern nicht nur «Lili Marleen», sondern auch «Sag mir, wo die Blumen sind» und «Blowin in the Wind». 1960 betritt sie nach langem wieder deutschen Boden: «Marlene go home», liest sie auf Transparenten. Sie wird bespuckt und mit Eiern beworfen, es kommt zu tumultartigen Szenen. Sie weiss, warum ihr die Deutschen böse sind: «Erstens: weil ich nach Amerika ging. Zweitens: weil ich nach dem Krieg nicht zurückkam. Drittens: weil ich zurückkam.» Es folgen Gastspiele in der Sowjetunion und in Polen, wo sie am Denkmal des Warschauer Ghettos Blumen niederlegt. In Israel setzt sie sich über das Verbot, deutsch zu singen, unbeirrt hinweg. Ihren Bühnenabschied feiert sie als 75jährige, um sich danach in Paris zurückzuziehen. In Maximilian Schells vielgelobtem Dokumentarfilm Marlene (1984) erscheint sie ein letztes Mal, allerdings nur als Stimme; ihr Gesicht verweigert sie der Kamera: «Ive been photographed to death». Ein Leben lang übt Marlene Dietrich ihren Beruf äusserst professionell aus. Anders als viele Kolleginnen und Kollegen weiss sie genau zwischen Image und Privatleben zu trennen, ist die Unnahbare höchstens auf Leinwand und Bühne. Ansonsten jedoch ist sie die verlässliche Freundin, als die sie immer wieder beschrieben wird. Als 1948 die 23-jährige Hildegard Knef in Hollywood ankommt, um dort zum Star aufgebaut zu werden, nimmt sich Marlene Dietrich ihrer an und es beginnt eine Freundschaft, die über Jahrzehnte hält: «Sie konnte zuhören; sie gab mir das Gefühl, dass alles, was ich zu sagen wusste, von unglaublicher Bedeutung für sie wäre.» Billy Wilder nennt sie «einen wirklichen Freund. Ihr seine Schwierigkeiten zu beichten, ist besser, als wenn man zum Psychoanalytiker geht». Und für Jean Cocteau gehört sie «zu den seltenen Menschen, die die Güte in Person sind, die nicht davor zurückschrecken, den Ozean zu überqueren, wenn es darum geht, behilflich zu sein. Mehr braucht nicht gesagt zu werden.»
Philipp Brunner