DIE MELANCHOLIE DES SCHNEEWESTERN
Wenn es im Western schneit, ändern sich die Regeln des Genres. Statt Heldengeschichten erzählt der winterliche Western melancholische Abgesänge auf die Cowboys und die Vergeblichkeit ihres Tuns. Das Stadtkino Basel zieht sich warm an, drückt den Stetson tief in die Stirn und reitet durch die grössten Schneewestern der Filmgeschichte.
«Wieder ist es Winter und ich bin hier eine zeitlang bei den Clarks. Dieses Leben ist ein grässlicher Albtraum. Dieses Land ist schön, aber in mir wächst ein Hass, weil es mir alles genommen hat, was ich je liebte. Dieses Land hat mich zerstört. Ich bin nicht alt, Janey, aber ich fühle mich am Ende des Wegs.» So schreibt Calamity Jane in einem Brief von 1898 an ihre Tochter. Der Winter, so machen die erschütternden Worte der legendären Westernfrau klar, ist nicht nur konkrete Jahreszeit, sondern auch ein Gemütszustand. In der Kälte des Schnees gefrieren die Lebensgeister. Die abgrundtiefe Melancholie, welche Calamity Jane beschreibt, ist dieselbe, die uns auch in jenen Western umfängt, die im Schnee spielen. «Ich fasse wieder Hoffnung, dass wir es schaffen werden», sagt in André De Toths Day of the Outlaw von 1959 der tödlich verwundete Anführer einer Bande von Desperados auf der Flucht. «Niemand von uns wird es schaffen», antwortet ihm der Farmer, der sich erpressen liess, der Gang eine Abkürzung über den verschneiten Bergpass zu zeigen. Er wird grausam recht behalten. Selbst der Zuschauer schlottert und kann doch seinen Blick nicht lassen von dem unerträglichen Anblick, der sich ihm bietet: Die Pferde versinken im tiefen Schnee, schnaubend und zitternd und kommen kaum vorwärts, sosehr die Reiter sie auch peitschen mögen. Schliesslich bleiben von den Outlaws nur noch zwei übrig. Der eine erfriert während er Wache hält, mit starr geöffneten Augen. Der andere muss zusehen, wie sich der Farmer davonstiehlt. Als er ihn erschiessen will, rühren sich seine Finger nicht mehr. Nutzlos liegt ihm das Gewehr in den gefrorenen Händen. «I'll give you my gun when you take it from my cold, dead hands» – der berüchtigte Slogan der amerikanischen National Rifle Association erhält hier eine andere, ironische Bedeutung. Es ist die tödliche Winterkälte selbst, welche den Cowboy endgültig entwaffnet. Das Duell mit dem Wetter ist nicht zu gewinnen.
Doch während André De Toth zumindest seinem Protagonisten, dem Farmer einen Ausweg aus der weissen Hölle lässt, ist Sergio Corbucci mit seinem Meisterwerk Il grande silenzio knappe zehn Jahre später schon ungleich schonungsloser: Sein Held, der stumme Revolvermann, dem man als Kind die Zunge aus dem Mund geschnitten hat, weiss schon von allem Anfang an, dass sein Weg nirgendwohin führt. Noch im Vorspann stürzen er und sein Gaul im Schneegestöber und auch wenn sie sich hier wieder aufrappeln, ist es doch nur ein Überleben auf Zeit. Der Winter hat den Westen gründlich aus den Fugen gebracht: Einfache Männer, verarmt und hungernd, werden zu Wegelagerern, welche die Pferde der Überfallenen verspeisen. Das Gesetz indes wird vertreten durch den brutalen Kopfgeldjäger Loco, der seine Opfer zu Tode quält und ihre Leichen im Schnee verscharrt, um sie dann bei Gelegenheit abzuholen.
Es ist mithin kein Zufall, dass dieser zugleich so kalte und doch so betörende Schneewestern zu jenen italienischen Produktionen zählt, die in den Sechzigerjahren das Western-Genre radikal und nachhaltig umdeuteten. Wie der Italowestern mit den Traditionen bricht, welche bis anhin galten, so signalisiert auch der Schnee im Western, dass hier ein ganzes Genre den Aggregatszustand wechselt: Verkörpert sich im klassischen Western und seinen Helden jene amerikanische Ideologie des heroischen Individualismus, so endet sie in dem Moment, wenn Schnee auf die Prärie fällt. Mit dem Winter bricht eine Naturgewalt in die Geschichten ein, gegen die der Einzelne nie obsiegen, sondern ihr höchstens widerstehen kann. Und wer das nicht einsehen will, der wird es auf grausame Weise erfahren; wie der Cowboy in Richard Brooks’ The Last Hunt, der glaubt, die Natur zu überwältigen in dem er ganze Büffelherden abschlachtet. Am Ende aber wird er, wahnsinnig geworden und verfolgt von den Phantomen der gemordeten Tiere, sich der Natur ergeben und im Frost sein Ende finden. Der Winter überwindet alle und der Schnee verdeckt zudem all jene Demarkationslinien, die einst so klar zwischen den Guten und den Bösen zu unterscheiden halfen. Damit ist die Zeit des alten Heldentums endgültig abgelaufen; im Schneewestern weht ein anderer Wind. Sidney Pollacks Jeremiah Johnson oder Will Penny aus Tom Griers gleichnamigen, leider viel zu unbekannten Film sind beides keine Westernhelden, wie man sie von früher kennt, sondern Gebrochene, denen der karge Winter noch das Letzte raubt, wofür es sich zu leben lohnt. So kommt auch der Spieler McCabe in Robert Altmans McCabe & Mrs. Miller einsam im Schnee um, unbemerkt von der Frau, die er vergeblich liebte. «Some say he is dead … some say he never will be», so heisst es als Werbespruch auf dem Filmplakat von Jeremiah Johnson – unsterblich sind die Protagonisten des Schneewesterns indes nur, weil sie immer schon tot waren. Die schneebedeckten Landschaften durch die sie ziehen, entpuppen sich mithin als das, was die Theologen Limbus nennen, jenes ungewisse Zwischenreich am Rande des Jenseits. Von dort, aus dem Limbus der verschneiten Berge kommt auch der Priester und Revolverheld in Clint Eastwoods Pale Rider – die Verkörperung jenes totenbleichen Reiters der Apokalypse, von dem das Kind zu Beginn des Films in der Bibel liest. Und wo die Menschen noch nicht tot sind, fühlen sie doch unweigerlich ihr Ende nahen. Darum kann es auch nicht verwundern, wenn die winterlichen Western zur rührenden Abschiedsvorstellung jener Figuren werden, die ihre Zeit überlebt haben. In Don Siegels The Shootist, dem letzten Film mit John Wayne, wird vom Schnee zwar fast nur gesprochen, dass sich indes der grosse Westernheld selbst in seinem Winter befindet, ist dafür umso spürbarer. Ein letztes Mal und mit bereits froststeifen Gliedern bäumt er sich zu alter Grösse auf, doch dass der nächste Morgen den ewigen Winter bringen wird, weiss er nur zu gut. Eigentlich hatte sich Wayne ja schon einige Jahre zuvor mit der Rolle des einäugigen Marshalls in Henry Hathaways True Grit verabschiedet. Schnee fällt dort nur vereinzelt, dass es sich dabei gleichwohl um einen typischen Schneewestern handelt, sahen kluge Betrachter wie die Coen-Brüder indes sofort. Nur folgerichtig, dass sie denn auch ihr Remake von True Grit vollständig im Winter spielen lassen.
Doch nicht nur vom Verderben Einzelner, auch vom Verschwinden ganzer Kulturen erzählen diese Filme. John Fords letzter Western, der opulente Cheyenne Autumn schildert die Flucht der Cheyenne aus den unwürdigen Verhältnissen in den Reservaten. Dabei drängt alles auf jene Szenen in der verschneiten Steppe zu, wo der Indianerstamm sich aufspaltet, sich schliesslich in die Gewalt der US-Armee begibt und damit seinen Untergang besiegelt. Die Sequenz endet mit jenem irr in die Kamera starrenden Offizier, wie er durch den von Leichen übersäten Schnee stapft. Eine lange Abblende folgt, als wär der Film zu Ende. Was dann noch kommt, die Versöhnung zwischen den Weissen und den Ureinwohnern, ist indes nur noch eine Lüge, ein fadenscheiniger Traum, und der Zuschauer sieht es den Filmbildern an. Im Gedächtnis bleiben die Toten Körper im Schnee, eine Reminiszenz an die berühmten Bilder jenes Massakers, das die Weissen am 29. Dezember 1890 beim Wounded Knee Strom an den Ureinwohnern begangen haben. 153 Lakota, darunter Frauen und Kinder wurden dort getötet. Sie hatten mit ihren Gewehren und Tomahawks nie eine Chance gegen die Artillerie des Militärs. Wer von den Indianern die Schlacht verwundet überlebte, wurde zurückgelassen, um kam unmittelbar darauf in einem dreitägigen Schneesturm um. Die toten Indianer, am Boden festgefroren groteske Denkmäler ihrer selbst. Auf einem der grausigen Bilder sieht man Häuptling Big Foot, sein rechter Arm verrenkt, als würde er auf sich selbst zeigen, anklagend. Das sind die Bilder, welche die verschneiten Western uns vorhalten: Die grausige Kehrseite des amerikanischen Traums.
Der japanische Fotograf Hiroshi Sugimoto hat in den späten Siebziger Jahren die Leinwände in amerikanischen Kinos und Drive-Ins fotografiert und dabei seine Bilder jeweils so lange belichtet, wie der Film dauerte, der dort gezeigt wurde. So ist auf seinen Bildern zwar der Kinosaal scharf abgebildet, von den bewegten Bildern auf der Leinwand hingegen ist ob der langen Belichtungszeit nur noch ein weisses Leuchten geblieben. Und das ist es letztlich, wovon der Western in seinem Winter erzählt: Wenn alle Bilder gezeigt, wenn alle Filmgeschichten des Wilden Westens erzählt sind, bleibt am Ende nichts als die hypnotisierende weisse Fläche. Darauf strebt alles zu: die ewige Leere, ein endloses Schneefeld.
Johannes Binotto